Über 3,1 Millionen Menschen arbeiten derzeit im deutschen Einzelhandel. Das klingt nach viel – doch die Branche steht vor einem gewaltigen Problem: Es fehlen Fachkräfte, und zwar massiv. Allein im Jahr 2024 blieben laut dem Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung (KOFA) rund 122.000 Stellen unbesetzt. Das entspricht etwa der Einwohnerzahl von Erlangen.
Die demografische Zeitbombe tickt
„Die Politik muss jetzt handeln“, warnt Steven Haarke, Geschäftsführer für Arbeit und Soziales beim Handelsverband Deutschland (HDE). Der Grund für seine Dringlichkeit: In den kommenden Jahren gehen die geburtenstarken Jahrgänge der Babyboomer in Rente. Was bereits heute ein Problem ist, wird sich dadurch dramatisch verschärfen.
Der demografische Wandel trifft den Einzelhandel besonders hart. Während andere Branchen möglicherweise durch Automatisierung oder Digitalisierung Stellen einsparen können, bleibt der Handel auf menschliche Arbeitskraft angewiesen. Beratung, Service und persönlicher Kontakt lassen sich nicht einfach durch Algorithmen ersetzen.
Lösungsansätze: Von der Kinderbetreuung bis zur Steuerreform
Der HDE hat konkrete Vorstellungen, wie der Fachkräftemangel bekämpft werden könnte:
Bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf: Da im Einzelhandel überwiegend Frauen arbeiten, ist eine flächendeckende Kinderbetreuung bis 20 Uhr an allen Werktagen – auch samstags – entscheidend. Nur so können Beschäftigte flexibel auf die Öffnungszeiten des Handels reagieren. (Zum Beispiel wenn verkaufsoffener Sonntag ist!)
Steuerreform: Die antiquierte Kombination aus Steuerklasse III und V benachteiligt vor allem Frauen und sollte durch das fairere Faktorverfahren der Steuerklasse IV ersetzt werden.
Moderne Zuwanderung: Schnelle, unbürokratische Verfahren könnten qualifizierte Fachkräfte aus dem Ausland für den deutschen Arbeitsmarkt gewinnen.
Inklusion fördern: Menschen mit Behinderung haben oft ungenutztes Potenzial für den Arbeitsmarkt.
Länger arbeiten: Anreize für Frühverrentungen wie die „Rente mit 63″ sollten abgeschafft werden. Stattdessen müsse das Renteneintrittsalter an die gestiegene Lebenserwartung angepasst werden.
Gute Bezahlung, aber wenig bekannt
Dabei bietet der Einzelhandel durchaus attraktive Arbeitsbedingungen. Das Durchschnittsgehalt einer Vollzeitkraft liegt bundesweit bei 3.628 Euro brutto monatlich. Der Bruttostundenverdienst betrug zuletzt 22,26 Euro – und ist in den letzten Jahren kräftig gestiegen. Allein zwischen 2022 und 2024 wuchsen die Löhne um 13,4 Prozent.
Je nach Qualifikation variieren die Gehälter stark:
- Experten verdienen durchschnittlich 37,02 Euro brutto pro Stunde
- Fachkräfte kommen auf 19,09 Euro brutto pro Stunde
- Helfer erhalten 16,44 Euro brutto pro Stunde
„Im Einzelhandel wird gutes Geld für gute Arbeit gezahlt“, betont Haarke. „Handelsunternehmen sind als Arbeitgeber bei den Menschen beliebt.“ Ein weiterer Vorteil: Die Branche bietet auch in ländlichen Regionen Jobs und Karrierechancen – ein wichtiger Faktor in Zeiten der Landflucht.
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Herausforderung für die gesamte Gesellschaft
Der Fachkräftemangel im Einzelhandel ist mehr als nur ein Branchenproblem. Er zeigt exemplarisch die Herausforderungen einer alternden Gesellschaft auf. Wenn es nicht gelingt, mehr Menschen für den Handel zu begeistern und die Rahmenbedingungen zu verbessern, drohen längere Wartezeiten, schlechterer Service und im schlimmsten Fall sogar Geschäftsschließungen.
Die Lösungen liegen auf dem Tisch – jetzt ist die Politik am Zug, sie umzusetzen. Denn eines ist klar: Der Einzelhandel als Rückgrat der deutschen Wirtschaft kann es sich nicht leisten, noch länger auf dringend benötigte Fachkräfte zu verzichten.
(Infos aus einer Pressemitteilung vom Handelsverband Deutschland)
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